Mein Meer. Mein Müll. Mein Grab.

Mein Meer. Mein Müll. Mein Grab.

Als Kind wollte ich Wal-Forscherin werden. Heute verzweifle ich am Einkaufen.

Auf den ersten Blick mag der Zusammenhang vielleicht unklar sein, aber wenn ich euch erzähle, dass 35% des weltweiten Plastik-Verbrauchs alleine auf Verpackungen zurückzuführen sind (Plastikmüll Statistik 2016) und davon stündlich 675 Tonnen im Meer landen, ahnt ihr sicher, was mein Problem ist: Ich bin ein Teil des Problems! Und ich habe ein Problem! Nicht nur die Wale haben ein Problem mit Plastikmüll in den Mägen, auch ich habe Plastik in meinem Körper. Und du sicher auch.

Ich kaufe viel Obst und Gemüse. Dadurch, dass ich nur unverpacktes Gemüse und Obst kaufe, ist es erschreckend einfach, eine Auswahl in den großen Supermarkt Ketten zu treffen. Tomaten? Befinden sich in einer Kartonschale mit Plastikhülle. Zucchini? Oftmals zu dritt eingeschweißt zum Sonderpreis. Gurken? Eingeschweißt in einem Plastikkondom. Und ist es mit fast allem im Supermarkt!

Also wähle ich als Alternative Obst- und Gemüsehändler. Denen muss ich genau auf die Finger schauen, denn sie sind es gewöhnt, jede Obst und Gemüseart in eine eigene, separate Plastiktüte zu stecken. Von 100 Plastiktüten werden in Europa nur 7 recycelt (Plastikmüll Statistik 2016) und der Einsatz ist begrenzt: Die durchschnittliche Gebrauchsdauer für eine Plastiktüte liegt bei 25 Minuten. Ich bringe also meine eigenen Beutel, Taschen und Körbe mit und bestehe darauf, keine Tüten zu bekommen. Manchmal muss ich darauf richtig beharren, und oft verlasse ich den Laden doch mit der einen oder anderen Tüte – für Kirschen oder Oliven, für die ich an kein Behältnis gedacht habe.

Im Supermarkt. Ort des Grauens: Plastik – wohin das Auge blickt.

Nur etwa 42% des Plastik-Mülls in Deutschland werden recycelt

Nicht so schlimm, habe ich lange gedacht. Dafür haben wir doch die gelben Tonnen und dann wird der Müll ja schließlich recycelt und verbrannt. Doch die Zahlen verraten mir, dass das so nicht stimmt: Tatsächlich werden von den 8,3 Mrd. Tonnen aus der Herstellung nur 600 Mio. Tonnen tatsächlich recycelt und 800 Mio. Tonnen verbrannt. (Plastikmüll Statistik 2017) –  Doch wo landet der Rest?

Das United Nations Environment Programme (UNEP) schätzt, dass sich bis zu 99 Prozent des Plastik-Mülls im Meer, entweder schwebend in der Wassersäule oder am Meeresboden, befindet. Runtergerechnet auf meine Verpackungen bedeutet das, dass mein Plastikmüll, den ich nicht schaffe zu reduzieren, über kurz oder lang im Meer landet. Dass meine PET-Flasche, die ich kaufe, weil ich meine Wasserflasche vergessen habe, 450 Jahre im Meer schwimmt, bevor sie sich zersetzt. Dabei löst sich das Plastik allerdings nur in kleinere, kaum sichtbare Plastik-Teilchen auf. Die gesellen sich entweder zu den fünf großen Müllstrudeln, die eine größere Fläche von den Niederlanden und Belgien zusammen einnehmen, schwimmen mit Plankton mit der ungleichen Verteilung von 6:1 Plastik zu Plankton (!) in der Wassersäule oder sinken auf den Meeresboden- da liegt schon 70% des Plastikmülls. Kein Wunder also, dass in jedem zweitem Meeresbewohner Plastikreste im Magen zu finden sind.

Auch der Plastikmüll aus Deutschland landet im Meer – etwa 20% des Plastiks auf direktem Wege und ca. 80% über Flüsse. Durch Shampoo, Duschgel und Waschmittel wird Mikroplastik in die Meere gespült.

Und es ist auch kein Wunder, dass auch wir am Ende der Nahrungskette Mikroplastik zu uns nehmen. Wenn wir Fisch oder Meerestiere essen, sind es jährlich etwa 11.000 Mikroplastikteilchen. Dass das für unseren Körper nicht gesund sein kann, davon können wir ausgehen. Wir nehmen Mikroplastik aber nicht nur durch die Nahrung auf, sondern behandeln unseren Körper damit. Mit duftenden “Fühl-dich-belebt”-Duschgels, sämtlichen Gesichtscremes und anderen Körperpflegeprodukten. Ob Balea, Nivea, Vichy, Dove, Babydream oder andere: Auf Mikroplastik verzichten sie alle nicht. Eine erschreckende Liste vom BUND findet sich hier, mit der ich nur zu dem Entschluss kommen kann, auf sämtliche Körperpflegeprodukte endlich zu verzichten. Und stattdessen endlich auf selbstgemachte Seife und natürliche Pflegeprodukte setzen werde.

Denn meine Ziele sind eigentlich ganz einfach: Ich möchte meinen persönlichen Plastik-Konsum drastisch reduzieren. Obwohl ich der Meinung bin, dass ich eh schon viel mache. Mir bewusst bin, dass es Probleme gibt, und darauf acht, nachhaltig zu leben. Damit bin ich nicht allein.

Deutschland ist Müll-Spitzenreiter

Wir Deutsche sehen uns als aufgeklärtes Völkchen. Das sind wir vielleicht auch, trotzdem liegen wir Deutsche mit 37 kg Verpackungsmüll und 611 kg Müll pro Jahr und pro Kopf an der Spitze des Europäischen Müllverbrauchs! Wir Deutschen sind Spitzenreiter im Europäischen Vergleich: 11,7 Millionen Tonnen Plastikmüll verbrauchen wir jährlich.

Alles Zahlen, bei denen ich unglaublich wütend werden. Aber ich kann nichts tun. Ich kann nicht warten, ob Plastiktüten verboten werden und wenn ja, welche davon. Ich kann nichts daran ändern, dass von Nudeln über Reis bis zur Schokolade alles in Plastik verkauft wird! Ich kann nicht ändern, wenn ich meinen Nachbarn jede Woche die Plastik-Flaschen ins Haus schleppen sehe. Ich kann nur mein eigenes Verhalten jeden Tag aufs Neue überprüfen, hinterfragen und verbessern. Und ich habe noch so viel Luft nach oben!

Den Einkauf planen und an die richtigen Verpackungsmaterialien denken – schwieriger als gedacht

 

Meinen Einkauf optimieren

Was meine nächsten 5 Schritte sind:

  1. Obst und Gemüse klappt so gut wie immer ohne Verpackungsmüll. Aber auch hier kann ich meine Oliven in Gläser abfüllen lassen und für meine Kirschen eine Box mitbringen. Auch wenn ich komisch angeschaut werde.Ein Unverpacktladen, wie es sie in vielen großen Städten mittlerweile gibt, wäre ein Traum und würde die Plastikreduktion um einiges erleichtern. Auch in meiner Heimatstadt Regensburg gibt es mittlerweile so einen Laden.An meinem jetzigen Wohnort gibt es so etwas nicht. Also heißt es überlegen: wie kann ich Verpackungsmaterialien von Nudeln, Reis, Milch, Joghurt sparen? Barilla packt die Nudeln ja mit mehr Papier als Plastik ein, Bio oder Dinkel-Varianten gibt es da aber keine. Joghurt im Glas habe ich hier leider noch nirgends gefunden. Dass die ganze Suche nach verpackungsfreien Lebensmitteln noch schwieriger wird, wenn man auch noch bestimmte “Wünsche” wie Bio-Qualität hat, sei hier nur in einem Nebensatz erwähnt.
  2. Als Lösungsmöglichkeit für mich als Verbraucherin denke ich zur Zeit an eine Essens-Kooperation mit Freunden/Bekannten, wo wir uns die Lebensmittel in Kilo Säcken liefern lassen, die dann untereinander aufgeteilt werden.
  3. Was kein Problem für mich ist, sind Coffee-To-Go Becher, von denen in Deutschland stündlich 320.000 im Müll landen. Für mich gibt es Kaffee nur To-Stay. Obwohl so ein Mehrweg-Becher schon praktisch wäre und auf meiner Wunschliste steht. Ebenso werde ich jetzt im Sommer darauf achten, die eigene Wasserflasche immer mitzunehmen.
  4. Duschgel, Shampoo und andere Pflegeprodukte werden endgültig verabschiedet. Hier benutze ich außer Shampoo und die tägliche Sonnencreme zwar kaum etwas, aber auch auf diese beiden Sachen werde ich in Zukunft selbst herstellen. Inspirierende Anleitungen gibt es dafür ja genug im Netz.
  5. Mit synthetischen Waschmittel und Reinigungsmittel möchte ich die Umwelt nicht mehr belasten. Auch hier gibt es zahlreiche Alternativen, die ich ausprobieren möchte. Und das neugekaufte und noch ungeöffnete Waschmittel von letzter Woche werde ich zurückgeben. Damit spare ich Mikroplastik an 80 Wäschen.

Ein kleiner Anfang. Doch das reicht nicht. Schon jetzt werden 300 Millionen Tonnen Plastik jährlich produziert. Es ist nicht mehr möglich, das Plastik aus dem Meer zu fischen. Es ist nur noch möglich, es zu reduzieren. Dafür zu sorgen, dass die Prognosen bis 2050 falsch sind. Dass wir bis dahin keine weiteren 34 Milliarden Tonnen Plastikmüll produziert haben werden. Weil von den Verbrauchen das Signal kam:

NEIN, DANKE! Wenn der Markt mir keine Alternativen bietet, werde ich kreativ. Sorge für meine eigenen Alternativen.

Damit die Prognose falsch ist, dass 2050 dreimal mehr Plastik als Fische im Meer schwimmen.

Damit unser Planet weiter leben kann. Uns weiter Leben spenden kann. Und wir weiter leben können.

Damit wir uns nicht durch unseren Müll unser eigenes Grab schaufeln.

 

Dieser Artikel entstand am World Ocean Day, an dem besonders auf den Schutz der Meere, die Müllverschmutzung, Medikamenten-Belastung und die Ölverpestung im Meer aufmerksam gemacht wird. Dass ein Tag Plastik sparen nicht reicht, um tatsächlich etwas zu verändern, ist uns sicher allen klar. Doch auch ich ertappe mich oft dabei, schockiert zu sein und dann doch “einfach so” weiterzumachen. Den heutigen World Earth Day möchte ich für mich als Wendepunkt nehmen, um meinen täglichen Plastikverbrauch auf ein Minimum zu reduzieren – um eine gesunde Grundlage für mich selbst, für mein Kind und für unseren Planeten zu schaffen. 

Machst du mit?

 

 

Quellen:

MARINE PLASTIC DEBRIS AND MICROPLASTICS – Global lessons and research to inspire action and guide policy change, UNEP 2016.

https://www.wissenschaftsjahr.de/2016-17/fileadmin/meere_ozeane/Downloads/160913_Dossier_Plastikmuell_im_Meer.pdf

Plastikmüll Statistik 2016

Plastikmüll Statistik

https://serintogo.de/2018/06/08/lasst-uns-meer-machen/

careelite.de/plastik-muell-fakten/

 

Ein Wal aus Plastik: Aktion von Greenpeace Indonesia

 

 



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