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Aber Kind, jetzt sag’ doch was!

Aber Kind, jetzt sag’ doch was!

Wenn Kinder nicht antworten

Klar, wir sind für körperliche Grenzen. Aber was, wenn die Grenzen des Kindes schon viel früher beginnen? Was, wenn Kinder nicht mit anderen sprechen? Wie reagieren wir richtig?

Bei manchen Dingen, wie Küsschen geben für die Tante oder auf den Schoß des Bekannten gesetzt werden, ist uns klar: Kinder müssen “Nein” sagen dürfen. Kinder haben das Recht, Entscheidungen zu treffen und von Anfang an respektvoll behandelt zu werden. Ob sie das auch können? Keine Angst, die können das! Unser Zweitgeborenes hat uns mit gerade mal zwei Monaten schon mit Körpersprache deutlich gemacht, wo es hin will: Alles an ihm windete sich Richtung Mama und es schrie. Es konnte also noch nicht viel, aber es konnte sich mitteilen, wo es sich sicher fühlt und sein möchte. (Und natürlich kam es zu Mama.)

Wenn Kinder ihre körperlichen, emotionalen und sozialen Grenzen benennen und zeigen dürfen und diese respektiert werden, dann geben wir ein ganz wichtiges Signal. Wir zeigen ihnen, dass ihr Nein akzeptiert wird und dass sie als Mensch respektiert werden. Wir leben ihnen vor, dass es Grenzen gibt und geben darf – und dass sie gewahrt werden – und zeigen ihnen so, wie ein respektvolles Miteinander funktioniert.

Was hat das mit deinem Kind zu tun?

Körperliche Grenzen müssen gewahrt werden, da sind wir uns also einig. Aber wie sieht es mit Grenzen aus, die schon viel früher beginnen? Bei einem Danke, einem Bitte, einem Lächeln, einer Antwort?

Die Frage ist ja, warum ist es dir wichtig? Lass mich raten: Die Antwort hast nichts mit dir und deinem Kind zu tun, sondern mit deinem Gegenüber. Ich habe diese Stimme genauso in mir, die mir zuflüstert: “Was denkt die Frau wohl über dein Kind? Nicht mal ein “Danke” kann es sagen?” Erst heute gab es wieder eine Situation, in der mein Kind einfach nicht antwortete auf den Smalltalk der Dorfmenschen. Wir leben in einem kleinen Dorf, jeder Mensch, den wir auf der Straße treffen, wechselt ein paar Worte mit uns. Beziehungsweise mit mir, denn unsere Tochter redet nur mit ein paar, ausgewählten Personen. Manchmal ist mir das so unangenehm, dass ich ihr sagen will: “Jetzt sag doch mal was”, “Antworte der Frau doch”, oder “Du kannst doch sprechen, warum sagst du denn nichts.” Ich sage es nicht. Denn ich habe durchschaut, dass ich nur deshalb möchte, dass sie antwortet, damit die anderen möglichst gut über uns denken. Wir sind die Zugezogenen, die Ausländer. Klar, möchte ich, dass die gut über uns denken. Ich will ja willkommen sein, da wo ich wohne. Aber ich muss eben damit klarkommen, dass meine Tochter eben dennoch so sein darf, wie sie ist – und gleiche ihr Schweigen aus, indem ich für sie antworte. Ich mache den Smalltalk, den die Erwachsenen mit meiner Tochter gerne führen würden, für den sie aber nicht bereit ist. “Die Frau sieht mich doch, warum fragt sie so blöd, wo ich bin.”, “Klar, hab ich mein Geschwisterchen lieb, was soll die Frage!”, “Sie sieht doch, dass ich heute Elsa bin, warum soll ich es ihr erklären.” – im Grunde will meine Tochter nicht sprechen, weil sie all das so offensichtlich findet, was die Menschen sie fragen. Ist ja vielleicht auch eine Qualität – nur dann etwas sagen, wenn es wirklich etwas zu sagen gibt?

Ich möchte es ihr ungern “antrainieren” zu antworten. Es ist Teil ihrer Persönlichkeit, es ist ihre Grenze und ihr Umgang. Gleichzeitig bedeutet das nicht, dass ich sie nicht ermutige, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Dass ich es ihr nicht vorlebe, wie man solche “Smalltalk”-Themen managed. Ich bin gut im Smalltalk, ich fühle mich dabei wohl. Das Wetter, die neue Brotsorte beim Bäcker, die diesjährige Ernte, das Wetter: Ich mag das, mit den Menschen ein paar Worte zu wechseln. Also gleich ich aus. Das, was meine Tochter nicht sagt, sage ich. Und lebe ihr so vor, wie man “freundlich” miteinander ist – wenn man das möchte. Und wenn sie es später mal nicht so macht? Dann eben nicht. Es gibt genug Menschen, die stehen nicht auf Smalltalk. Weil sie introvertiert sind, weil sie verunsichert sind, weil sie besseres zu tun haben. Die lassen es bleiben. Darf auch sein, oder?

Kinder lernen durch Vorbilder. Achten wir also selbst auf unser Miteinander und auf unsere Einstellung zu anderen!

Mach den Pippi-Langstrumpf-Move!

Es ist für die Menschen hier ungewohnt, dass ein Kind so ernst ist und auf keinerlei Annäherungsversuche eingeht. Auch noch nach dreieinhalb Jahren ist es ungewohnt. Ich bleibe bei meinem Weg: Sie darf so sein, wie sie ist. Und die Menschen müssen damit klarkommen. Und wenn das Gedankenkarussel anspringt und mir erzählen möchte, was die Menschen wohl denken. Dann erinnere ich mich an die Worte von Ruth von “Der Kompass”: “Wir wissen nicht, was die anderen wirklich denken. Echt. Nie. Was sie erwarten oder brauchen oder was auch immer. Wir wissen das nicht. Es ist also so, dass wir uns kolossal irren können, wenn wir die Blicke der anderen interpretieren. Ihre Gesten. Ihre Worte. Ja, selbst wenn sie es sagen: Was sie wirklich brauchen und wie es ihnen geht, das können Menschen sehr, sehr selten ausdrücken. Schonmal ein angenehmer Gedanke, oder? Der führt gleich zu meinem ersten Tipp an dich: Mach den Pippi-Langstrumpf-Move!”

Ruth erklärt, dass wir uns die Gedanken unseres Gegenübers als die positivsten, die wir uns denken können, vorstellen sollen. Quasi als Loblied auf uns und unser Tun, garniert mit Einhorn-Glitzer und einer Prise Elsa-Zauberschnee.

Denn das Ding ist ja: solange wir sicher sind, in dem, was wir tun, ist es uns egal, was die anderen denken. Mein Kind will nicht auf den Schoß? Will keinen Kuss geben? Muss es auf gar keinen Fall! – da ist es mir egal, was die anderen denken. Aber: mein Kind will nicht sprechen – könnte es nicht trotzdem? Und das Gedankenkarussell will schon starten: Was wirft das für ein Bild, ein Kind das nicht antwortet?

Und jetzt kommt die Krux:

Dein Kind hat keine Lobby – nur dich!

Wenn du in dieses Gedankenkarussell einsteigst und mitfährst, und eventuell sogar danach handelst, bedeutet das: Du handelst nach den Regeln des sozialen Gefüges, nach dem Miteinander, wie es unsere Gesellschaft definiert hat. Du entscheidest dich also FÜR die Erwartungen, von denen du glaubst, dass sie existieren und GEGEN dein Kind. Was ist dir wichtiger: Die Beziehung zu den anderen, außenstehenden Menschen? Oder die Beziehung zu deinem Kind?

Die Antwort dürfte klar sein. Danach zu handeln ist aber trotzdem nicht immer anders. Da spielt unsere eigene Erziehung mit rein, da gab es (wahrscheinlich) ganz viel “das macht man aber nicht so”, “jetzt stell’ dich nicht so an”, etc. Wir können das heute anders machen. Wir sind die Lobby, die unser Kind nicht hat. Wir sind der:die Verbündete, die unser Kind braucht, um zuverlässig ohne Gewalt aufzuwachsen.



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